Ein Fest fürs Leben: Grand Paris Express

Überwachung der Sicherheit während des Projekts des Jahrhunderts

„Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben“, schrieb einst Hemingway, „dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Als Hemingway in den wilden Zwanzigern in Paris lebte, gab es die städtische Métro (Kurzform für Métropolitain) noch nicht allzu lange. Die Linie 1, die zwischen Porte de Vincennes und Porte Maillot verkehrte, war im Jahr 1900 eröffnet worden. Heute, mehr als hundert Jahre später, gibt es insgesamt 16 Linien. Diese bilden ein Netz aus 302 Stationen, das sich auf über 200 Kilometer erstreckt.

Die Pariser Métro ist das am zweitstärksten genutzte U-Bahn-System Europas, übertroffen lediglich von dem in Moskau. Wie in vielen anderen Städten auch wächst die Bevölkerung von Paris beständig weiter, sodass das U-Bahn-Netz an die Grenzen seiner Kapazität gerät. Deshalb wird es im Rahmen eines Projekts mit dem Namen Grand Paris Express überdacht, umgestaltet und umfassend erweitert. Vincent Lamour erzählt uns mehr.

„Grand Paris ist das Projekt des Jahrhunderts“, erklärt er. „In 20 bis 25 Jahren werden so viele Tunnel gebaut wie in den letzten 100 Jahren. Und es geschieht in der bestehenden Stadt, muss sich also in diese einfügen. Wir sprechen von 200 Kilometern neuer Métro-Linien.“

Lamour ist Geschäftsführer (CEO) von Cementys, einem Unternehmen, das sich auf die Überwachung von Tiefbauprojekten für Baufirmen, Bauunternehmer und Projektträger spezialisiert hat. Während les Parisiens die Verdopplung der Größe ihres Métro-Netzes beobachten, behält Cementys die Projektsicherheit genau im Auge.

„Es wird viel Überwachung der Infrastruktur nahegelegener Bereiche und anderer sensibler Netzwerke geben“, so Lamour. „Grand Paris Express dreht sich überwiegend um Tunnel und Stationen. In Bezug auf die Tunnel arbeiten wir in relativ empfindlichem Boden, was das Potenzial von Einbrüchen und Hohlräumen mit sich bringt. Die Stationen befinden sich häufig auf sehr tiefer Ebene – beispielsweise 30 Meter unter der Erde. Tunnelbohrmaschinen bohren bis ca. 20 Meter. Wir werden in den kommenden Jahren 20 Tunnelbohrmaschinen für das Projekt einsetzen.“

Wie Sie sich vorstellen können, ist dies mit einigen Herausforderungen verbunden.

„Es ist das Projekt des Jahrhunderts. In 20 bis 25 Jahren werden so viele Tunnel gebaut wie in den letzten 100 Jahren.“

Vincent Lamour, CEO von Cementys

Die Olympischen Spiele drängen zur Eile

„Wir mussten zu Beginn des Projekts sehr schnell reagieren. Ein Überwachungssystem musste umgehend installiert werden. Häufig müssen diese Systeme lange vor Beginn der eigentlichen Arbeiten eingerichtet werden. Wir waren zu Beginn bereits etwas spät dran“, so Lamour. „Eine weitere Herausforderung ist die Planung. Wir müssen die gesamte Arbeit in kurzen Zeiträumen erledigen. Auch die Olympischen Spiele im Jahr 2024 müssen bei der Planung berücksichtigt werden, sodass wir sehr wenig Zeit für die ganzen Bauarbeiten haben. Wir müssen mit großer Geschwindigkeit arbeiten, um alles zu schaffen.“

Die Überwachungssysteme von Cementys werden auf Gebäuden und um diese herum platziert, um deren Bewegung während der Bauarbeiten zu überwachen. Sofern durch die unterirdischen Arbeiten auch nur die geringste Bewegung erzeugt wird, wird ein Alarm ausgelöst. Ein wichtiges Sicherheitssystem, das jederzeit funktionieren müsse, erklärt Lamour. „Wir brauchen ein Überwachungssystem, das unabhängig von Regen, Schnee oder Staub funktioniert. In der Nähe von Baustellen gibt es immer Staub. Das System muss rund um die Uhr in Echtzeit funktionieren. Für diese Art von Überwachung ist eine gewisse Robustheit erforderlich.“

Genauigkeit hat Priorität. „Der Grad der Genauigkeit, den wir von Geräten wie Totalstationen sehen möchten, muss in den Millimeterbereich fallen. Wir möchten dazu in der Lage sein, XYZ-Bewegungen selbst von nur wenigen Millimetern zu messen. Messungen finden stündlich statt. Wir haben einen Server, der sämtliche Daten erfasst, und jede Messung wird umgehend analysiert. Falls es Abweichungen gibt, wird innerhalb einer Stunde ein Warnhinweis an den Bauunternehmer oder Projektträger gesendet.“

„Die Gebäude, die wir überwachen, sind häufig benachbarte Gebäude in der Nähe der Baustellen, Stationen oder Tunnel. Außerdem überwachen wir Antennen, Masten und Straßen in Gebäudenähe. Auf diese Weise versuchen wir zu messen, ob es eine Absenkung gegeben hat oder ob Häuser sich aufgrund des Tunnelvortriebs neigen. Darüber hinaus überwachen wir Eisenbahnstrecken, die von den Arbeiten betroffen sind, um die Sicherheit des Schienenverkehrs zu gewährleisten. Dort wird wesentlich häufiger gemessen, und zwar alle 20 Minuten. Auch hier verfügen wir über ein Warnsystem. Dieses kann Züge zum Stehen bringen, wenn es wichtige Veränderungen gegeben hat.“

Der Projektträger verwende das System, um den in der Nähe lebenden Menschen zu versichern, dass alles gut sei, erzählt uns Lamour. Darüber hinaus ist ein effektives Baustellenmanagement wichtig: „Beispielsweise kann der Einspritzdruck ausgehend von den Daten geändert werden. Die Messungen sind ein integraler Bestandteil der Baustelle. Darum können wir uns keine Störungen leisten. Die Messungen müssen absolut zuverlässig sein, da die Konstruktion davon abhängt.“

„Wir können uns keine Störungen leisten. Die Messungen müssen absolut zuverlässig sein, da die Konstruktion davon abhängt.“

Vincent Lamour, CEO von Cementys

Ein halber Millimeter

Die Überwachungsexperten bei Cementys setzen Totalstationen ein, um unbesorgt ihrer Arbeit nachgehen zu können. Topcon war frühzeitig mit von der Partie: „Wir haben äußerst gründliche technische Unterstützung erhalten. Und schnell noch dazu“, so Vincent Lamour. „Wir haben es geschafft, die Totalstationen innerhalb weniger Wochen in unsere eigenen Systeme zu integrieren.“

Einer seiner Kollegen, der Ingenieur François Michelin, leitet eines der Überwachungsprojekte von Grand Paris Express. „Der Abschnitt, den wir überwachen, hat eine Länge von fünf Kilometern, mit zwei Métro-Stationen sowie einigen unterirdischen Bauarbeiten“, erklärt er uns. „Wir setzen rund 30 Totalstationen für dieses Projekt ein, um Gebäude in der Nähe der Baustelle zu überwachen. Wir überwachen Bewegungen des Untergrunds und führen zahlreiche Berechnungen durch, um zu sehen, ob die Gebäude sich bewegen und ob und inwiefern sie durch die Bauarbeiten beeinträchtigt werden.“

„Der Projektträger wünscht ein hohes Maß an Genauigkeit: eine Auflösung von 0,5 Millimetern“, führt er weiter aus. „Die Stationen werden mehrere Jahre im Einsatz sein, bis zu fünf Jahre lang. Wir erfassen die Daten von den Totalstationen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Anschließend werden die Daten auf einer Website präsentiert, wo die Beteiligten sie in Echtzeit sehen können.“

Einer der Beteiligten ist SNCF, die staatliche Eisenbahngesellschaft Frankreichs. „Die SNCF möchte, dass wir die Bahngleise in Intervallen von 20 Minuten überwachen. In zwanzig Minuten kann eine Station 60 bis 80 Datenpunkte messen“, erklärt Michelin. Er hat gute Neuigkeiten: „Die Messungen sind stabil, es gibt keine Abweichungen.“

Während die Tunnelbohrmaschinen sich wie Maulwürfe unter der Erde vorarbeiten, nimmt der Grand Paris Express nach und nach Gestalt an. Reisende vor Ort werden nicht nur von verbesserten Zugangsmöglichkeiten zur Innenstadt, sondern zudem von kürzeren Fahrtzeiten profitieren. Das Jahrhundertprojekt wird dazu beitragen, aus Paris noch viel mehr ein Fest fürs Leben zu machen, als Hemingway es sich je hätte träumen lassen.

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